Diagnose Zungenkrebs-Teil 9

Große Spannung – meine Kinder kommen ins Krankenhaus!

Ich weiß nicht, wie Ihr es in Eurem Fall gemacht habt, aber mir stellte sich die Frage ziemlich schnell. Sollen die Kinder ins Krankenhaus kommen oder nicht? Meine beiden waren sehr jung als ich an Zungenkrebs erkrankte. Grundsätzlich hatte ich mich schon entschieden, den Kindern zu sagen, dass ich sehr krank bin. Nicht in allen Konsequenzen, aber schon ehrlich. Aber ins Krankenhaus? Will man Kindern im Alter von 6 und 9 Jahren „zumuten“ die Mama geschwächt, sehr dünn und vor allem mit einer Trachealkanüle zu sehen? Sind das nicht vielleicht Bilder die sie nie wieder vergessen können und die auch verstörend wirken? Oder kann genau das auch gut für sie sein, wenn ich es schaffe mich wieder ins Leben zu kämpfen?

Jedenfalls hatte ich mich – mit meinem Mann zusammen, für einen Besuch der Kinder im Krankenhaus entschieden. Als klar war, die beiden kommen, war die Spannung bei mir groß. Ich habe sofort all meinen Ärzten/innen und meinen Pflege-Schwestern davon erzählt. Mit meiner Wechsel-Trachealkanüle hatte ich ja nun schon erste Sprechversuche unternommen und es wurde immer besser. Ich war sehr überrascht, dass ich mich doch relativ gut artikulieren konnte. Klar, wenn die beiden Mäuse kommen, dann kommt der Sprecheinsatz rein.

Die Spannung ist groß - meine Kinder kommen auf Besuch. Ich erhalte eine Trachealkanüle mit Wechselaufsatz.
So sieht eine Trachealkanüle aus Metall mit Wechselaufsatz aus

Die Spannung ist groß – jetzt kommen die Kinder tatsächlich

Und dann kam der Tag. Ich war so aufgeregt. Wie werden die Kinder reagieren? Werden sie ängstlich sein oder zu wild? Werden sie sich überhaupt trauen zu mir zu kommen? Was werden sie sagen? Noch viele, viele andere Fragen schwirrten mir seit den Morgenstunden im Kopf umher.

Irgendwann ging die Türe auf und da waren sie. Oh mein Gott, habe ich die beiden vermisst!! Plötzlich war ich den Tränen nahe und konnte meine Gefühle gar nicht mehr kontrollieren. Es war einfach so unglaublich schön, dass ich die beiden wieder sehen durfte.

Wie haben die Kinder reagiert?

Beide kamen ganz vorsichtig rein und waren auch sehr aufgeregt. Papa hatte wohl vorsorglich noch ein paar Worte gesagt. Überraschender Weise war meine große Tochter, die sonst schon mal bei einem Marienkäfer in Panik gerät, diejenige, die sich sofort zu mir auf das Bett setzte und mich vorsichtig umarmte. Meine kleine Tochter, sonst der Wildfang der Familie war sehr zurückhaltend, stand erstmal nur am Bettrand und streichelte meine Hand.

Dann kamen viele Fragen und auch lustige Bemerkungen. So etwa „voll cool Mama, du siehst ein bisschen aus wie ein Roboter“ – in dem Fall ein Top-Kompliment! Was ich gar nicht bedacht hatte, war die Angst vor meinem Verband am Arm und den großen Wundpflastern am Hals. Genau das hat meine kleine Tochter sehr irritiert und sie dachte, dass sie mich verletzen kann, wenn sie mir zu nahe kommt. Ich konnte nur versuchen ihr diese Sorge vorsichtig zu nehmen, ohne sie zu bedrängen.

Der angekündigte zweite Besuch meiner Kinder veranlasste dann auch meine liebe Frau Dr. Huber zu einem fast täglichen Wechsel der Trachealkanüle auf immer kleinere Modelle. Und als meine Kinder erneut kamen, hatte ich nur noch einen Pflasteraufsatz mit Sprechtaste (ich glaube offiziell heißt das Tracheostoma-Verschlußpflaster). Und wisst ihr was? Die darauffolgende Nacht konnte ich schlafen! Das erste Mal seit der OP. Das tat so gut.

Aber zurück zu meinen Kindern. Bei ihrem zweiten Besuch brachten sie mir ein Eis mit und wir sind sogar eine kleine Runde im Flur spazieren gegangen. Ich war total stolz auf meine Leistung. Mein Mann erzählte mir am Abend, dass die Kinder geschockt waren und im Auto auf der Fahrt nach Hause immer wieder sagten „oje, Mama ist so schwach. Sie ist so langsam. Das ist schrecklich.“ So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein. Ich stolz, Kinder verängstigt. Das Verschlußpflaster fanden sie noch cooler. Denn ich musste ja eine „Taste“ auf meinem Hals drücken um sprechen zu können. Also noch mehr Roboter… hihi.

Der dritte Besuch war dann schon fast Routine. Auch an diesem Morgen kam Frau Dr. Huber zu mir und meinte: „Heute machen wir sie noch schicker für ihre Kinder“. Ich bekam anstatt dem Verschlußpflaster nur noch ein Wattebausch mit normalem Pflaster darüber geklebt. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich sofort als Fr. Huber mir davon erzählte, wieder Angst und Horrorbilder in meinem Kopf hatte. Meine Vorstellung war, dass ich den Wattebausch in das Loch des Tracheostoma drücken könnte…….aaaaaahhhhhhhh. Was Frau Huber mit einem „Sie haben aber auch eine blühende Fantasie“ abhakte. Nein, dass kann nicht passieren. Ok, gut – vielen Dank.

Auch beim dritten Besuch meiner Töchter brachten Sie ein Eis und Bilder mit. Mein ganzes Zimmer war mittlerweile voll mit so tollen Bildern. Und dann die Überraschung mit dem Pflaster-Wattebausch. Super. Wir konnten uns so viel besser unterhalten und ich war durch den wieder gewonnen Schlaf viel fitter geworden. Die gemeinsame Runde durch die Flure habe ich in Rekordzeit zurückgelegt. Und meine Kinder waren sehr aufmerksam solchen kleinen Veränderungen gegenüber. Sie bemerkten sehr wohl, dass ich etwas fitter war als beim letzten Besuch. Auch nahmen sie wahr, dass ich insgesamt positiver gestimmt war. Es geht bei Kindern oft nicht um die großen Veränderungen, sondern eher um die kleinen.

War es nun die richtige Entscheidung?

Sollen Kinder nun auf Besuch ins Krankenhaus kommen oder nicht? Ich bin überzeugt davon, dass es die richtige Entscheidung war. Meine Kinder sind durch die ganze Krankheitsgeschichte verängstigt gewesen. Wenn wir die beiden noch länger zu Hause gelassen hätten, dann hätten sie sich vermutlich sehr viel mehr negative Gedanken gemacht. So haben die beiden gesehen, Mama lebt, Mama kann sogar sprechen und bei Mama tut sich gerade jeden Tag etwas in Richtung Verbesserung. Und das hat meinen Töchtern sehr gut getan. Außerdem war es mega wichtig für mich. Mir ging es soviel besser, als ich die beiden wieder in den Arm nehmen konnte. Ein unbeschreiblich gutes Gefühl.

Hilfe bei Fragen zum Umgang mit Kindern krebskranker Eltern

Es gibt einige gute Seiten im Netz, die sich ausführlich mit dem Thema auseinander setzen. Ich habe hier ein paar Seiten für Euch, die ich gut finde. Es gibt hilfreiche Tipps und weiterführende Links.

https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebs-und-psyche/was-kindern-krebskranker-eltern-hilft.html

https://kinder-krebskranker-eltern.de/

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